High End retoucher Maxi de Witt

Was macht ein Retoucher eigentlich genau?

Ich glaub, wenn ich einen Euro bekäme für jedes „Ähm, was genau machst du denn?“, nachdem ich mich als Retoucher vorgestellt habe, bräuchte ich eigentlich nicht mehr arbeiten… #scherz 

Yup, High End Retoucher ist tatsächlich ein Job

Aber im Ernst, außerhalb der Kreativbubble aus Werbeagenturen, Fotografen und Bildagenturen kennt eigentlich kaum jemand den Begriff. Selten kann sich jemand wirklich darunter etwas vorstellen. Sah ich, ich bin Bildbearbeiter klingelt es schon eher: “Ach, also Pickel wegmachen und so?“

Ja, auch das gehört ab und zu mal dazu, beschreibt aber nur einen Minimini-Teil meiner Arbeit. In den ersten Jahren als fest angestellter Retoucher bei einer kleinen Postproduction in Hamburg hab ich tatsächlich täglich Beautyretusche gemacht, als Freelance Retoucher dagegen in den letzten Jahren viel seltener.

Denn es gibt tatsächlich sooo viel mehr zu tun als mit Photoshop die Haut zu perfektionieren.

Überhaupt variiert je nach Kunde und Auftrag. Von der reinen RAW Entwicklung  über Basic Retouching bis hin zum umfangreichen Photoshop Composing kommt alles vor.

5 Dinge die ich als Retoucher mache die nix mit Pickel Wegstempeln zu tun haben:

1. Optimale RAW Entwicklung

Du willst das Beste aus deinen Bildern herausholen? Dann fang damit nicht erst in Photoshop an! Bereits bei der Entwicklung kann und sollte man unheimlich viel beeinflussen. Denn nie wieder habe ich so eine maximale Kontrolle über das Bild. RAW Dateien beinhalten die unkomprimierten Bilddaten, eben die Rohdaten deiner Fotos. Ein digitales Negativ sozusagen. Etwas Wertvolleres für retouch Junkies wie mich gibt es da kaum.

Deine Bilder sind leider etwas zu dunkel geworden? Kein Problem! Bei der RAW Entwicklung kann ich sehr viel wieder gutmachen, je nach Kamera und Lichtsituation sogar ohne dass es groß anfängt in deinen Bildern zu rauschen.

Oder ich entwickel mehrere Helligkeitsversionen und setzt sie in Photoshop zusammen. Dadurch erreiche ich eine höhere Datenqualität als wenn ich später in Photoshop aufhelle.

Des Weiteren steuer ich in Capture, Camera RAW oder Lightroom ganz profane Dinge wie Schärfe, Kelvinzahl oder Kontrast. Je mehr ich mich schon während der RAW Entwicklung festlegen kann in welche Richtung es gehen soll umso besser für die finale Bildqualität!

2. Lookentwicklung in Capture One

Ja, ich gebs zu, ich fand Capture One früher kacke und hab vorzugsweise mit Camera RAW gearbeitet. Das gesamte Interface war mir einfach zu viel und zu komplex. Ständig hab ich Sitzung und Katalog durcheinander gebracht und bis ich raushatte dass ich einfach meine Bildordner per Drag & Drop in die Sitzungsfavoriten zeigen kann hat es auch etwas gebraucht #langeLeitung

Irgendwie hat es eine Weile gedauert CO lieben zu lernen aber jetzt will ich nicht mehr ohne sein.

Denn nirgendwo sonst kann ich so elegant und easy neue Bildlooks kreieren und auf die gesamte Bildstrecke anpassen wie in Capture One. 

Mein Retoucher Lieblingstool? – die Farbbalance

In die Tiefen etwas mehr Cyan, in die Lichter ein bisschen mehr Yellow. Dazu noch etwas Klarheit und ein bisschen Helligkeit in die Schwarztöne – perfekt.

Früher habe ich mich das selten getraut den Look schon in Capture One zu kreieren. Ein Zurück ist weniger easy als in neutral zu Entwickeln und dann in Photoshop das Colorgrading zu machen.

Wenn das Briefing jedoch klar ist und ich den Fotografen kenne und wir schon öfter zusammengearbeitet haben mache ich die Looks mittlerweile fast ausschließlich mit CO – für mich ein absoluter Bildqualitätsvorteil.

3. Bilder und Looks untereinander angleichen.

Die Bilder für den Corporate Bildpool wurden in unterschiedlichen Locations fotografiert?

Von verschiedenen Fotografen?

Mit unterschiedlichem Licht?

Und sehen jetzt leider alles andere als homogen aus? EASY, denn es gibt ja Retoucher wie mich 😉 Denn für kaum etwas eignet sich Photoshop besser als Farben & Look zu steuern und untereinander anzugleichen.

Am Liebsten mache ich mir dazu alle Bilder nebeneinander auf (JA Photoshop, ich möchte 57 Bild gleichzeitig öffnen) und stimme sie dann mit Kurven und Kontrasten aufeinander ab damit alles am Ende wie aus einem Guss aussieht. 

4. Mit Retouching smarte Bilder erschaffen

Stell dir einmal vor: Wie genial wäre es, wenn Produktbilder nicht automatisch in der virtuellen Mülltonne landen würden, nur weil das darauf sichtbare Label sich geändert hat? Oder du dein Stilllife Shooting wie geplant durchziehen kannst obwohl die Produkt Dummies mit den neuen Labels noch in der Produktion feststecken und du mit den alten shooten musst?

Dank Photoshop raffiniert austauschbar ohne dass es jemand bemerkt!

Als erstes retouche ich das alte Label so heraus, dass ich quasi eine blanke Produkt Leinwand habe. Danach mache ich mich an das neue Label was du mir optimalerweise als Illustrator Datei zur Verfügung stellst.

Mit Hilfe von Illustrator bereite ich das neue Label so vor, dass ich es danach in Photoshop auf das blanke Produkt setzten kann. Mit Hilfe von ein bisschen Retoucher Zauberei passe ich es perfekt an das Bild an. So wird niemand auf die Idee kommen, dass an dem Bild überhaupt etwas gemacht wurde.

Der Clou? Ich verwende zum Einsetzten in Photoshop Smartobjekte, deren Inhalt ich jederzeit weiter anpassen oder sogar austauschen kann.

5. In Composings verschiedene Bilder miteinander verschmelzen

Composen in Photoshop ist ein bisschen so wie puzzeln. Am Anfang habe ich oft ganz viele Einzelteile die ich zu einem großen Ganzen zusammensetzten möchte. Nur dass die Ecken und Kante unklar sind. Und man später natürlich nicht sehen soll dass das imposante 18/1 aus ganz vielen Einzelbildern besteht.

Bei solch einem Auftrag sitze ich gerne mal auch einige Tage an einem Bild, da es aus mehreren Fotos zu einem Composing zusammengesetzt wird. Oder ich „stricke“ an das Ursprungsbild mehr „Fleisch“ um diverse Werbe-Formate bedienen zu können oder damit die einzelnen Bildelemente verschiebbar werden.

Dann greife ich deutlich tiefer in meine Retoucher Repertoire-Kiste. Ich nehme oft das Bild von Grund auf auseinander um dann die Einzelelemente wieder unauffällig zusammen zu setzten (denn gut gemachtes High End Retouching ist nur zu sehen wenn es so gewollt ist!). 

Damit kannst du als Kunde dann plötzlich Personen oder Objekte verschieben oder austauschen, was Dir die Möglichkeit gibt alles nach genau Deinen Wünschen und Formaten zu positionieren.

Auf den Punkt gebracht: Das alles und noch viel mehr sind mögliche Gründe, wieso ich als Retouch ArtistRetoucher beauftragt werde „ein paar Pixel umherzuschubsen“. Denn am Ende soll das optimale Motiv für das jeweilige Projekt herauskommen und da geht heute kaum noch ein Weg am High End Retoucher vorbei, auch wenn der Betrachter es (hoffentlich) nicht bemerkt.

High End Retoucher und Retouch Artist – same same but different?

PS: Wie du vielleicht schon bemerkt hast verwende ich Retoucher & Retouch Artist synonym. Für mich besteht da wirklich kein großer Unterschied, außer dass ein Retouch Artist vielleicht noch ein wenig künstlerischer unterwegs ist. Am Ende zähl eh, was hinten rauskommen 😉